Merz nennt Google-Cloud souverän genug für die Nachrichtendienste: Was Mittelständler daraus für ihre eigene KI lernen können
Auf dem Digitalgipfel hat Bundeskanzler Merz die geplante Cloud der Nachrichtendienste auf Google-Technik verteidigt. Die Debatte dreht sich um eine Frage, die sich jeder Betrieb mit KI stellen sollte: Wer kontrolliert die Updates, und was passiert, wenn der Anbieter nicht mehr liefert? Wir zeigen, was an der Diskussion für Firmen wichtig ist und wie man die eigene Abhängigkeit prüft.
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Am 2. November hat Bundeskanzler Friedrich Merz auf dem Digitalgipfel in Berlin eine Rede über digitale Souveränität gehalten. Auf Nachfrage verteidigte er danach einen Plan, der seit einigen Tagen für Streit sorgt: Die deutschen Nachrichtendienste wollen eine gemeinsame Cloud auf Technik von Google aufbauen. Google investiere in Deutschland und Europa, deshalb lasse sich auch mit einem US-Anbieter europäische Souveränität erreichen. So gibt heise die Aussage wieder.
Ob das für Geheimdienste die richtige Wahl ist, entscheiden andere. Für Mittelständler steckt in der Debatte aber eine sehr praktische Frage, die sie für ihre eigene KI genauso stellen sollten. Darum geht es in diesem Beitrag.
Worum es bei der Geheimdienst-Cloud geht
Nach Recherchen von NDR und WDR, über die unter anderem it-daily am 30. Oktober berichtete, planen der Bundesnachrichtendienst, das Bundesamt für Verfassungsschutz und der Militärische Abschirmdienst eine gemeinsame „ND-Cloud“. Sie soll Informationen bis zur Geheimhaltungsstufe „Geheim“ verarbeiten. Als Grundlage ist die Google Distributed Cloud in einer Fassung vorgesehen, die ohne Verbindung zum Internet und ohne Verbindung zu Google läuft. Am Betrieb soll die BWI beteiligt sein, das IT-Systemhaus der Bundeswehr. Insider schätzen die Kosten auf mindestens 500 Millionen Euro. Offiziell bestätigt haben die Dienste nichts davon.
Der naheliegende Einwand, die Daten lägen dann ja bei Google, trifft den Kern nicht. Die Daten sollen in Deutschland liegen, Google soll keinen Zugriff darauf bekommen. Der eigentliche Streitpunkt ist ein anderer.
Der Kern der Debatte: Wer liefert die Updates?
Auch eine vom Internet getrennte Cloud braucht neue Software. Sicherheitslücken müssen geschlossen, Fehler behoben, Komponenten erneuert werden. Diese Updates kommen vom Hersteller. Sven Herpig vom Thinktank Interface weist darauf hin, dass sie also weiterhin von Google kämen. heise ergänzt, dass ein solches System ohne Ersatzlösung innerhalb weniger Monate unzuverlässig würde, wenn die Updates ausblieben. Genannt wird als Risiko etwa, dass US-Sanktionen oder eine Anordnung der US-Regierung Google daran hindern könnten, zu liefern.
Souveränität entscheidet sich damit nicht am Serverstandort, sondern an zwei Fragen: Wer bestimmt, was mit dem nächsten Update in das System kommt? Und was passiert, wenn kein Update mehr kommt?
Dieselbe Frage im eigenen Betrieb
Ein mittelständischer Betrieb hat keine Geheimdienstdaten. Er hat aber Abläufe, die inzwischen an einer KI hängen: der Telefonassistent, der Anrufe annimmt, die Auswertung eingehender Rechnungen, der Chatbot auf der Website, die Textvorschläge im Vertrieb. Für jeden dieser Abläufe lohnen sich dieselben zwei Fragen.
Was kommt mit dem nächsten Update? Bei KI-Modellen ist das kein theoretisches Problem. Anbieter ersetzen Modelle regelmäßig durch neue Fassungen, die anders antworten, andere Formate liefern oder andere Preise haben. Manche leiten Anfragen an alte Modelle automatisch auf neue um, ohne dass man es merkt. Wer seine Prompts und Abläufe auf ein bestimmtes Verhalten abgestimmt hat, erlebt dann Überraschungen. Dasselbe gilt für KI-Agenten, die Erweiterungen, Werkzeuge oder Plugins nachladen.
Was passiert, wenn nichts mehr kommt? Modelle werden abgeschaltet, oft mit wenigen Wochen Vorlauf. Konten werden gesperrt, Tarife umgestellt, Dienste für bestimmte Länder eingeschränkt. In unserem Abschaltkalender für KI-Modelle sammeln wir die Termine der großen Anbieter. Allein in diesem Herbst waren es mehrere, die Betriebe kurzfristig zum Umbau gezwungen haben, etwa die Abschaltung der Custom GPTs oder der Gemini-Sprachmodelle.
Ein Maßstab, den man auch als Mittelständler nutzen kann
Im April 2026 hat das BSI einen Kriterienkatalog namens C3A veröffentlicht, ausgeschrieben „Criteria enabling Cloud Computing Autonomy“. Er beschreibt Souveränität in sechs Bereichen und baut auf dem bekannten Sicherheitskatalog C5 auf. C3A ist kein Gesetz und kein Zertifikat, sondern eine Hilfe für die Beschaffung. Anbieter können sich die Einhaltung per Prüfung bestätigen lassen.
Für einen Mittelständler ist der Katalog zu umfangreich, um ihn Punkt für Punkt abzuarbeiten. Die Grundidee lässt sich aber in eine kurze Liste von Fragen übersetzen, die man jedem KI- oder Cloud-Anbieter stellen kann:
- Wie lange vorher kündigen Sie an, wenn ein Modell oder eine Funktion wegfällt, und wo steht das verbindlich?
- Kann ich eine bestimmte Modellversion festhalten, und wie lange?
- In welchem Land werden meine Daten verarbeitet, und kann eine Behörde außerhalb der EU Sie zur Herausgabe zwingen?
- Bekomme ich meine Daten, Einstellungen und Prompts in einem Format heraus, mit dem ein anderer Anbieter arbeiten kann?
- Gibt es einen Vertrag zur Auftragsverarbeitung, und was steht darin zu Unterauftragnehmern?
Bei welchen Werkzeugen die Datenschutzfragen heute wie beantwortet sind, zeigt unsere DSGVO-Ampel für KI-Werkzeuge.
Unsere Einordnung
Man muss nicht jede KI selbst betreiben, um souverän zu sein. Für viele Aufgaben ist ein großer Cloud-Anbieter die beste Wahl, und die Debatte um die Geheimdienst-Cloud zeigt, dass selbst der Staat das so sieht. Souverän ist, wer weiß, welche Abläufe an welchem Anbieter hängen, und für die wichtigsten einen Ausweichplan hat. Ein Ausweichplan kann ein zweites Modell bei einem EU-Anbieter sein, ein lokales Modell auf eigener Hardware oder einfach ein dokumentierter Weg zurück zur Handarbeit.
Wer das für den eigenen Betrieb klären will, findet bei uns den KI-Souveränitäts-Check, der alle Abhängigkeiten erfasst und nachmisst, ob ein kritischer Ablauf auch mit einem EU- oder lokalen Modell funktioniert. Für Updates von Agenten und Erweiterungen gibt es die Update-Schleuse. Oder sprechen Sie mit uns.
Quellen: heise online, 02.11.2026: Merz: Google-Cloud ausreichend souverän für Nachrichtendienste · it-daily, 30.10.2026: Nachrichtendienste planen ND-Cloud auf Google-Basis · vergabeblog, 30.04.2026: BSI veröffentlicht C3A
Häufige Fragen
- Was hat Merz auf dem Digitalgipfel gesagt?
- Laut heise hat Bundeskanzler Friedrich Merz am 2. November 2026 auf dem Digitalgipfel in Berlin die Pläne der Nachrichtendienste verteidigt, eine abgeschottete Cloud mit Google als Partner aufzubauen. Google investiere in Deutschland und Europa, deshalb lasse sich auch mit einem US-Anbieter europäische Souveränität erreichen. Digitale Souveränität bedeute für ihn keine Autarkie, sondern Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Partnern.
- Um welche Cloud geht es?
- Nach Recherchen von NDR und WDR, über die unter anderem it-daily am 30.10.2026 berichtete, planen BND, Verfassungsschutz und MAD eine gemeinsame Cloud für Informationen bis zur Stufe „Geheim“. Grundlage soll die Google Distributed Cloud in einer vom Internet getrennten Fassung sein, betrieben unter Beteiligung der BWI. Die Dienste selbst haben sich dazu nicht geäußert.
- Wenn die Cloud vom Internet getrennt ist, wo ist dann das Problem?
- Bei den Updates. Auch eine abgeschottete Cloud braucht regelmäßig neue Software vom Hersteller. Kritiker wie Sven Herpig vom Thinktank Interface weisen darauf hin, dass diese Updates weiter von Google kämen. Könnte Google sie etwa wegen US-Sanktionen nicht mehr liefern, würde das System laut heise innerhalb weniger Monate unzuverlässig.
- Was hat das mit einem mittelständischen Betrieb zu tun?
- Dieselbe Frage stellt sich bei jeder KI, die ein Betrieb nutzt: Was passiert mit unseren Abläufen, wenn der Anbieter ein Modell abschaltet, die Preise ändert, den Zugang sperrt oder ein Update etwas anderes tut als vorher? Wer das für seine wichtigsten Abläufe beantworten kann, ist souveräner als jemand, der nur auf den Serverstandort achtet.
- Gibt es einen Maßstab, an dem man Cloud-Anbieter messen kann?
- Das BSI hat im April 2026 den Kriterienkatalog C3A (Criteria enabling Cloud Computing Autonomy) veröffentlicht. Er gliedert Souveränität in sechs Bereiche und setzt auf dem Sicherheitskatalog C5 auf. C3A ist kein Gesetz und kein Zertifikat, sondern eine Hilfe für die Beschaffung. Für Mittelständler taugt er als Fragenliste an den eigenen Anbieter.
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