Drei Cent pro Gespräch: was CustomGPTs können und was nicht
Ein CustomGPT ist in zwanzig Minuten gebaut und sieht aus wie ein Produkt. Deshalb wird er beworben. Was er wirklich ist, wo er echte Zeit spart, warum die versprochene Umsatzbeteiligung für die meisten gar nicht erreichbar ist, und was sich seit Februar 2026 an der Geschäftsgrundlage geändert hat.
Mit KI erzeugtes Bild. Mehr zur KI-TransparenzEs gibt eine Sorte Beitrag, die einem seit zwei Jahren zuverlässig begegnet. Jemand baut vor laufender Kamera einen CustomGPT, füttert ihn mit drei Dateien, stellt ihm eine Frage, bekommt eine passable Antwort und sagt dazu einen Satz wie „das spart dir zehn Stunden die Woche”. Darunter steht ein Link zu einem Kurs.
Wir werden regelmäßig danach gefragt, meistens von jemandem, der es ausprobiert hat und sich wundert, warum im eigenen Betrieb nichts davon ankommt. Deshalb einmal in Ruhe: was so ein Ding ist, wo es wirklich hilft, und warum es trotzdem überall beworben wird.
Was ein CustomGPT technisch ist
Ein Systemprompt, ein paar hochgeladene Dateien, vielleicht ein Aufruf einer fremden Schnittstelle. Das ist Konfiguration, keine Software. Daraus folgt fast alles Weitere.
Er hat keinen Zustand. Jedes Gespräch beginnt bei null, er weiß nicht, was letzte Woche entschieden wurde. Er hat keinen Zugriff auf eure Systeme, solange niemand eine Schnittstelle dafür baut, und wenn jemand das tut, hat er Software gebaut und der GPT ist nur noch die Oberfläche davor. Es gibt keine Versionierung, keine Tests, kein Protokoll darüber, wer wann was veranlasst hat. Und er lebt ausschließlich in einem fremden Chatfenster, das die Leute, die ihn am nötigsten hätten, selten öffnen.
Das ist keine Kritik am Werkzeug. Es ist die Beschreibung dessen, wofür es gebaut wurde.
Wo er wirklich hilft
Bei wiederkehrender Textarbeit einer einzelnen Person. Wer jede Woche dieselbe Sorte Angebot schreibt, dieselbe Art Protokoll formatiert oder dieselben Rückfragen an Lieferanten stellt, spart mit einem gut gebauten CustomGPT echte Zeit. Zwanzig Minuten pro Vorgang sind realistisch, und über ein Jahr ist das kein Kleingeld.
Der unehrliche Teil ist nicht das Werkzeug. Es ist der Sprung von „spart mir zwanzig Minuten” zu „verändert dein Unternehmen”.
Die Rechnung, die selten dabeisteht
Ein großer Teil dieser Beiträge verkauft nicht die Zeitersparnis, sondern eine Einnahmequelle: GPTs bauen, im Store veröffentlichen, an der Umsatzbeteiligung verdienen. Dazu drei Tatsachen, die man vor dem Kurskauf kennen sollte.
Die Vergütung liegt bei etwa drei US-Cent pro Unterhaltung. Für tausend Dollar im Monat braucht es also über 33.000 Gespräche, und zwar jeden Monat wieder.
Die Berechnungsgrundlage ist nicht veröffentlicht. Ausgeschüttet wird aus einem Topf, nach internen Kennzahlen zu Nutzung, Verweildauer und Zufriedenheit.
Und der wichtigste Punkt: Das Programm ist ein eingeladener Pilot, beschränkt auf Entwickler in den USA, und nimmt keine neuen Teilnehmer auf. Wer in Deutschland einen Kurs darüber verkauft, wie man damit Geld verdient, verkauft den Zugang zu einer geschlossenen Veranstaltung.
Warum es trotzdem beworben wird
Nicht, weil dahinter lauter Betrüger stünden. Der Mechanismus ist banaler und deshalb häufiger.
Das Produkt dieser Anbieter ist nicht der GPT, sondern der Kurs, die Community, das Abo. Ein CustomGPT ist dafür das perfekte Anschauungsobjekt: in zwanzig Minuten gebaut, sieht aus wie Software, lässt sich in dreißig Sekunden zeigen, und das Publikum kann es sofort nachbauen. Nachbauen erzeugt ein Erfolgserlebnis, und Erfolgserlebnisse verkaufen den nächsten Kurs. Der Nachschub geht nie aus.
Dazu kommt eine Auslese, die man leicht übersieht: Wer wirklich Systeme baut, baut gerade welche.
Was sich zeigen lässt, wird gezeigt. Was Reichweite bringt, wird wiederholt. Nach einem halben Jahr glaubt man es selbst.
Seit Februar 2026 ist noch etwas dazugekommen
OpenAI zeigt inzwischen Werbung. Seit dem 9. Februar 2026 sehen eingeloggte erwachsene Nutzer der Gratis- und Go-Tarife in den USA Anzeigen, seit dem 5. Mai gibt es einen Selbstbedienungs-Anzeigenmanager, und seit Ende August ist das Programm auch in Europa buchbar. Ende August lag es bei einer auf das Jahr hochgerechneten Milliarde Dollar, keine 200 Tage nach dem Start.
OpenAI gibt an, die Anzeigen stünden neben der Antwort und beeinflussten sie nicht. Das ist eine Aussage über die heutige Umsetzung. Die Frage, die darüber hinausgeht, ist eine andere: Aufmerksamkeit in einem Assistenten ist damit Inventar geworden. Wenn eine Milliarde daran hängt, geht es nicht mehr darum, ob jemand Antworten beeinflussen möchte, sondern darum, welche Produktentscheidungen in fünf Jahren naheliegen.
Für einen Betrieb ist das kein Grund zur Panik, aber einer für eine Entscheidung. Ein Modell, das ihr bezahlt, hat euch als Kunden. Ein Modell, das durch Werbung bezahlt wird, hat jemand anderen als Kunden. Das ist kein Sicherheitsargument, sondern ein Interessenargument, und die halten länger.
Der Prüfstein
Er hat nichts mit KI zu tun und funktioniert bei jedem Versprechen: Wird eine Zahl genannt, und wurde sie gemessen?
„Spart zehn Stunden pro Woche” ist so lange eine Behauptung, bis jemand sagt, was vorher gemessen wurde, was nachher, über welchen Zeitraum und bei wie vielen Leuten. Wer das nicht beantworten kann, hat nicht gemessen, sondern geschätzt. Und wer nie sagt, wo sein Vorschlag nicht trägt, verkauft, statt zu beraten.
Was das am Ende kostet, und wer es bezahlt
Nicht der Kursbeitrag. Der ist verschmerzbar.
Teuer wird der Handwerksbetrieb, der einen CustomGPT einführt, nach zwei Wochen merkt, dass ihn niemand benutzt, und daraus schließt, KI bringe bei ihm nichts. Der ist danach für Jahre zu. Nicht weil KI nicht funktioniert hätte, sondern weil er das falsche Werkzeug an der falschen Stelle probiert hat, empfohlen von jemandem, der seinen Betrieb nie gesehen hat.
Der Unterschied liegt nicht in besseren Prompts. Er liegt darin, ob die KI im System arbeitet oder daneben. Ein Agent, der den Auftrag liest, die Position anlegt, den Bestand prüft und zurückschreibt, mit eigenem Konto, eigener Rolle und einem Protokoll darüber, wer was warum getan hat, ist etwas anderes als ein Chatfenster, aus dem jemand Text herauskopiert.
Deshalb fängt bei uns jedes Vorhaben mit derselben Frage an, und manchmal endet es auch dort: Lohnt sich das hier überhaupt? Wenn nicht, steht das im Bericht. Auch dann, wenn daraus kein Auftrag wird.